show & talk: Künstler*innen und ihre Arbeitsräume

Fünf verschiedene Gruppen oder Künstler*innen präsentieren ihre künstlerische Praxis anhand konkreter Projekte in Bezug auf den Raum. Themen sind: Der ländliche Raum, Räume der Kritik, Virtuelle Räume, Experimentalräume und Räume der Vermittlung.

Ländliche Räume – Martin Stiefermann / schloss bröllin e.V.

schloss bröllin in Mecklenburg-Vorpommern ist eigentlich ein Gutshof, der renoviert wurde und nun als Residenzstätte dient. Wichtig für Martin Stiefermann ist die Verbindung zu den Kulturinstitutionen in der Umgebung und die Vernetzung der Residenzkünstler*innen untereinander. Der Gutshof hat 1000 Residenzpersonentage zur Verfügung, die restlichen Tage vermietet der Verein die Räumlichkeiten an Gruppen, die aber auch immer einen Kultur-Kontext haben. Um die Nachhaltigkeit der Produktionen für die Region zu fördern, schloss Bröllin nun auch Produktionsresidenzen im Rahmen des Programms “Vorpommern tanzt an” für Künstler*innen, die dann mit ihrer Produktion in Mecklenburg-Vorpommern auf Tour gehen. Ziel des Programms ist es, eine Szene des zeitgenössischen Tanzes in Vorpommern zu entwickeln, zu etablieren und zu stärken. Martin Stiefermann ist begeistert von dem zur Verfügung stehenden Geld, den Möglichkeiten im ländlichen Raum und davon, wie schnell das Projekt Früchte getragen hat. Und der nächste Bahnhof ist auch nur 8 Kilometer entfernt.

https://www.broellin.de/de/projekte-2/movin-broellin

Residenzprogramm

Räume der Kritik – Dirk Cieslak / Vierte Welt

Die Vierte Welt hat sich mittlerweile in einem Raum angesiedelt, den Dirk Cieslak selbst dysfunktional nennt. Die lange Geschichte dieses Ortes – und Raumes – zeigt, was sich die Gemeinschaft auf die Fahnen geschrieben hat: Vernetzung von Kunst und Gesellschaft. Einige Intellektuelle verschanzen sich in einem Raum in Berlin, sprechen über Deleuze und nennen dies Wissensproduktion in die Gesellschaft bringen. Grundgedanke dabei ist: Wir sind unwissend – nur durch Austausch kommen wir woanders hin.

Die Gruppe hatte in den sophiensaelen bis 2007 eine Residenz. In dieser Situation sah sie sich aber irgendwann den neoliberalen, prekären Arbeitsweisen, samt Konkurrenz als dominierendem Moment, ausgesetzt und stellte sich dann die Frage: In welchen Produktionszusammenhängen befinden wir uns eigentlich? Und wie kommen wir da wieder raus? In mehreren Formen (nicht Formaten) wird aus diesen Gedanken heraus Theater als gesellschaftlicher Gesamtproduktionszusammenhang erprobt. Der Gruppe war klar: Wir müssen in Kategorien der Kontinuität, der Serie und Reihen denken! “Wrack der Moderne”, “Leben im Beton” und “Im toten Winkel” sind hier nur der Anfang gewesen. Öffentliches Denken in verschiedenen Zusammenstellungen unterschiedlicher Gruppen wird als Utopie erprobt. Sie hat sich immer der Idee der Emanzipation verpflichtet gefühlt, kam dann aber zu dem Ergebnis, dass ihr das Handwerkszeug fehlt beziehungsweise ihres nicht (mehr) funktioniert (viele Begriffe sind leer geworden). Dysfunktionalität und Distanz aber sind Zustände, die man unter Umständen aushalten und produktiv machen muss. Produktivität aber muss nicht ausgehalten werden, denn es braucht Raum, sich daneben zu stellen, aufzuhören, nochmal anzufangen und Neues zu wagen. Wir müssen nochmal anfangen, Welt neu zu denken – oder überhaupt denken.

http://www.viertewelt.de/aktuell/index.html

Räume der Vermittlung – Susanne Tod / Theater Mär und MOTTE e.V., Hamburg

“Wir brauchen Zeit, um uns gegenseitig zu verstehen.”, sagt die Theatermacherin mehrmals, wenn sie über das Projekt “Und wir flogen tausend Jahre” für gehörlose und hörende Kinder spricht. Zeit haben sie und Frauke Rupert sich zusammen mit den Schauspielern Eyk Kauly und Thomas Nestler vom Theater Mär genommen, sowohl im Rahmen des flausen+-Stipendiums als auch darüber hinaus, um in Hamburg zu produzieren. Hierbei waren es nicht nur Workshops zur Generierung von Ideen im Vorfeld, sondern die Kinder hatten auch vor jeder Vorstellung Gelegenheit, selbst zur Inszenierung beizutragen. In der Lagerhalle, die gleichzeitig Produktions- und Rezeptionsraum war, konnten sie Teile des Bühnenbilds basteln und Vorschläge für Szenen machen, die dann von den Schauspielern ad hoc umgesetzt wurden.  

In den Workshops und Aufführungen zeigte sich, dass der gleiche physikalische Raum noch lange nicht denselben Verständnisraum bedeutet – und wie spannend das sein kann. Dass dies schon beim vorhandenen Theaterverständnis der Kinder anfängt, wird deutlich, wenn die vierte Wand, gleich einer störenden Mauer, eingerissen wird und aus einer partizipativen Szene eine interaktive Szenenfolge wird.

Nicht nur während der 5 Aufführungen kamen so Fragen auf, wie: Wieviel lasse ich zu? Wo sind meine eigenen Grenzen? Worauf lasse ich mich ein? Der gesamte Prozess war ein Lernprozess für alle Beteiligten in Kommunikations- und Verständigungsfragen und somit in grundlegend theatralen Fragestellungen: Wer hört eigentlich wem zu? Wie anstrengend ist es, wenn mein Gegenüber mich nicht versteht? Wer hat was zu sagen? Verstehe ich, was man mir sagen will – oder nur das, was ich ohnehin schon verstehe?

Darüber hinaus ist die Besonderheit dieser Theaterarbeit sicherlich die Suche nach einer (Bühnen)Gebärdensprache, die mehr ist als nur Übersetzung. Sprache, die ästhetisch ist – klanglich wie bildlich – und gleichberechtigt mit anderen auf der Bühne steht. So klingt der im Stück mehrfach fallende Satz “Sag das doch gleich” nicht nur frustriert, sondern gleichzeitig lustvoll – da war Raum für Mehrdeutigkeit, für Aushandlung, für Suche.

Die eigene Suche würde Susanne Tod gerne weiter fortsetzen und weiterhin Raum, Zeit und finanzielle Ressourcen finden, weiter mit Sprachen zu experimentieren und mit Kindern und Kolleg*innen zu forschen.

www.theatermär.de

http://kupolaobskura.blogsport.eu/

Experimentalräume = Forschungsräume ?

Im Keller, genauer auf der Kellerbühne, des Freien Werkstatt Theaters haben sich die Macher*innen des Theaters Pilkentafel aus Flensburg den Raum genommen, um über ihre Kooperation mit der Europa-Universität Flensburg zu informieren. Leider konnte deren Vertreterin nicht anwesend sein, jedoch bekam sie als voice-over einer Powerpoint-Präsentation ihren Raum, was auch ein spannendes Format für eine Lecture Performance gewesen wäre. Im dunklen Raum der Kellerbühne fand ein Mix aus Präsentation und Dialog mit den zukünftigen flausen+ Stipendiat*innen edgarundallan aus Hildesheim statt. Das Anliegen der Kooperation zwischen Pilkentafel und der Universität ist es, den Studierenden des Fachs Darstellendes Spiel einen weiteren Begriff von Theater zu vermitteln und eine praktische künstlerische Arbeit zu ermöglichen. Das Interesse liegt in der künstlerischen Forschung, die aber nicht in den Universitäten stattfinden soll, sondern bei den praktizierenden Künstler*innen selbst. Eine Forschung, die aus der künstlerischen Praxis heraus betrieben wird, womit sich die Stipendiat*innen aus Hildesheim durchaus identifizierten. Im Gespräch kam heraus, dass die Macher*innen des Theaters Pilkentafel mit den beim letzten Kongress anwesenden Universitäten schlechte Erfahrungen gemacht haben, bei denen es um die Fragen von Förderung künstlerischer Forschung außerhalb der Akademie ging – die Europa Universität Flensburg ist da anscheinend eine wohlwollendere Partnerin. Es wurde als Wunsch formuliert, dass die kommenden flausen+ Stipendiat*innen, je nach eigenem Nutzen für die künstlerische Arbeit (die Möglichkeit der künstlerischen Weiterentwicklung soll dem nicht im Wege stehen), mit den Studierenden arbeiten können, so dass beide Seiten dadurch profitieren. In welcher Form diese Zusammenarbeit stattfinden soll, werde noch genauer erörtert. Es klang aber an, dass sich alle Beteiligten darauf freuen.

Infos zur Residenz:  

25.03.-24.04.19

Theaterwerkstatt Pilkentafel, Flensburg

#39 Overkill. Wie man ein Urteil performt

edgarundallan – Sira Möller, Winnie Wilka, Benjamin Wenzel, Jonas Sausmikat, Anna Döge

https://www.pilkentafel.de/pilkentafel/geschichte-handschrift/

Virtuelle Räume

Anna Kpok bestreiten den virtuellen Raum des show & tk. Sie tun das selbst im virtuellen Format. Während Klaas Werner seinen Vortrag im Game-Format per Zufallsentscheid strukturiert, gibt Performerin Kathrin Ebmeier Infos zu Anna Kpoks Arbeit über den Beamer preis. Das hat zwar organisatorische Gründe, funktioniert aber trotzdem sehr gut und verdeutlicht den digitalen Aspekt des Raumes. Anna Kpok nutzen digitale Welten als Möglichkeits- und Forschungsräume. In ihrer flausen+ Residenz senden sie ihr Publikum in die Dystopie des Smarthomes. Durch einen Schwellenraum geführt, wird das Publikum mit einer begrenzten Handlungsmacht ausgestattet und damit selbst zum Spieler, zum Steuerelement des Avatars Anna Kpok. Real Reality heißt das Spiel und ermöglicht den Performer*innen die Erforschung des Data Double, dem Moment, in dem alle über uns gesammelten Daten selbst zur Person werden. Eine interaktive Performance hält den Rezipient*innen den digitalen Spiegel vor. Nutzung von Social-Media, Gamingelemente und das Hinterfragen derselben sind dabei in die Performance integriert. Die Nutzung digitaler Medien als Inspirationsraum für ein freies Theaterformat, als Repräsentationsraum einer nicht allzu entfernten Dystopie. Durch den Umgang mit der digitalen Welt verschieben die Performer*innen so die Grenzen der Rezeption. Klaas Werner will es nicht Immersion nennen, aber dennoch diskutiert das Publikum nach der Performance über die Einfühlung in das Spiel, in den Avatar. Dabei sitzt Werner in einem Campingstuhl vor ein paar Kochtöpfen und anderen Utensilien, die als Teasing für die nächste Produktion dienen: Publikum als gestrandete Kolonie auf einem fremden Planeten. Dort wollen sie den Spieler*innen mehr Entscheidungsmöglichkeiten bieten. Wir warten gerne drauf.


https://www.annakpok.de/

http://www.flausenkongress.de/blog/mehr-fragen-am-ende/